Ich muss zugeben, dass ich „Vincent and the Doctor“, bevor ich es das erste Mal sah, etwas skeptisch gegenüber stand. Auf der einen Seite ist es so, dass Vincent van Gogh einer meiner Lieblingsmaler ist. Die vorherigen New-Who-Celebrity-Historicals waren bisher jedoch aus verschiedenen Gründen nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Auf der anderen Seite wurde die Folge von Richard Curtis geschrieben, von dem ich nicht wirklich ein Fan bin. Ich sollte jedoch positiv überrascht werden…
Vincent van Gogh
Gehen wir zunächst mal auf den Krafayis ein (auch wenn hier schon ein paar Sachen dazu gesagt wurden): Damit, dass das Monster nur für Vincent sichtbar war, wollte man natürlich zeigen, dass er in der Lage war Dinge zu sehen, die andere nicht sehen konnten. Gleichzeitig wollte man damit vermutlich seine „Andersartigkeit“ und seine Abgegrenztheit von den anderen Menschen zeigen. Der Krafayis in dieser Story wird als eine einsame, blinde Kreatur bezeichnet, die von ihren brutalen Artgenossen verstoßen wurde weil sie selbst zu schwach war. Ich denke, die Parallelen die hier gezogen werden sind eindeutig: Vincent selber wurde aufgrund seiner Andersartigkeit von den Menschen verstoßen und wird in seinem Schmerz und Kummer allein gelassen. Der Krafayis symbolisiert einen von Vincents inneren Dämonen (genauer gesagt seine Einsamkeit), der ihn immer wieder befällt. Wenn später der Doctor und Amy gemeinsam mit Vincent gegen den Krafayis antreten, könnte man sagen, dass sie buchstäblich Vincents Einsamkeit bekämpfen wollen.
Der Star der Folge ist natürlich Vincent. Die Art und Weise wie er hier dargestellt wird ist zwar noch nicht perfekt, jedoch schon nahe daran dran. Während die historischen Personen aus den vorherigen Historicals oftmals als fehlerlos dargestellt wurden und eher wie lasche Parodien wirkten - geschrieben von Leuten, die entweder keine Ahnung oder kein wirkliches Interesse an der jeweiligen Person hatten - wird Vincent als ein „echter“ Charakter präsentiert, ein Charakter der auch Fehler hat und Dämonen, die ihn verfolgen. Wir lernen ihn als eine Person kennen die einsam ist, die weint, trinkt, eindeutig sexuelles Interesse an Amy zeigt (womit ich persönlich jetzt keine Probleme habe; ich erwähne das weil einige Leute sich darüber aufgeregt haben), die leidenschaftlich ist, die Gemütsschwankungen hat, die – kurz gesagt – einfach menschlich ist. Und gerade dadurch kann man Sympathie und Mitleid für ihn empfinden und gerade dadurch wird die Person auch interessant. Für mich bisher die einzige gute Darstellung einer historischen Person in der neuen Serie.
Man kann sich natürlich darüber streiten, ob van Gogh der beste Maler aller Zeiten ist (für mich ist er jedenfalls einer der Besten). Auf jeden Fall erkennt man, dass der Autor tatsächliches Interesse an dieser Person und ihrer Darstellung hat, was wie gesagt ein Unikum in New-Who ist. Es gehört m. M. nach auch etwas Mut dazu, eine doch recht beliebte Person so offen mit ihren Schwächen und Fehlern zu zeigen. Vincent wird als schwache Person dargestellt, deren größte Stärke in der Malerei liegt. Und auch das ist bisher einzigartig in New-Who: das tatsächlich mal darauf eingegangen wird, was die jeweilige historische Person auf ihre Art besonders gemacht hat. Man bekommt es nicht nur gesagt, sondern auch gezeigt.
Die Szene am Anfang mit dem Café; Amy und die Sonnenblumen; Vincents Zuhause; der Trauermarsch und die Kirche; Vincents Sternennacht - „Vincent and the Doctor“ ist eine optisch wunderschöne Folge. Und warum sollte man das nicht erwähnen, gehören doch die Bildästhetik und – vor allem – die Bildsemiotik ebenfalls zu einer Folge mit dazu. Es wurde schon erwähnt, aber es kann ja nichts schaden, wenn es nochmals gesagt wird: Man hat sich viel Mühe gegeben die Vorlagen für Vincents Gemälde so nachzubilden, dass man weiß welches entsprechende Bild dazu gehört, hat es dabei aber glücklicherweise vermieden Eins-zu-Eins-Kopien anzufertigen. Eine subtile Art und Weise um auf das interpretative Genie van Goghs hinzuweisen.
Wenn der Doctor Vincent am Ende das Museum zeigt, wird damit auf direkte Art auf den Kontrast zwischen Vincents Umständen zu seinen Lebzeiten und seiner Stellung in der heutigen Zeit hingewiesen. Zu Lebzeiten soll er kaum mehr als zehn Gemälde verkauft haben*, heute aber kennt ihn jeder und er gilt als der berühmteste und beliebteste Maler aller Zeiten.
Die Schlussszene, in der wir das an Amy gewidmete Bild von Vincent sehen, zeigt uns, um was es in dieser Folge noch ging: Darum, dass Menschen, auch wenn sie sich nur kurz getroffen haben, einen bleibenden Eindruck hinterlassen können. (Man beachte: Der Krafayis auf dem Gemälde „Die Kirche von Auvers“ verschwindet, und auf dem Gemälde „Zwölf Sonnenblumen in einer Vase“ erscheint ein „for Amy“). Natürlich war es dem Doctor klar, dass sie durch ihren kurzen Besuch Vincents Selbstmord nicht verhindern konnten, da seine tieferliegenden Probleme nicht gelöst wurden. Aber durch ihren kurzen Besuch bzw. dadurch, dass sie sich mit Vincent angefreundet haben, haben sie schon etwas Kleines erreicht. Vincent drückt seine Dankbarkeit dafür durch dieses Bild an Amy aus.
Was noch?
Ich habe zwar sonst ernsthafte Probleme mit Amy, aber in dieser Folge ist sie wirklich wunderbar. Ich finde es toll, dass sie sich als ein Van Gogh-Fan outet, soll damit doch gezeigt werden, dass sich auch „normale“ Personen für Kunst interessieren können. Sehr schön auch, wie sie mit Vincent umgeht. Sie flirtet mit ihm, scherzt mit ihm, tröstet ihn; sie behandelt ihn wie einen vollwertigen Menschen.
Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten war hervorragend. Herausragend war natürlich Tony Curran. Man kann seine Performance wirklich nicht oft genug loben.
Die Musik von Gold war wirklich gut. Und ich bin ehrlich gesagt sonst kein großer Fan von seinem Schaffen.
Ein paar Kritikpunkte hätte ich allerdings auch noch: Zwar wird auch auf den künstlerischen Wert der Gemälde van Goghs eingegangen (was natürlich gut ist), aber leider musste auch ständig betont werden, wie hoch ihr Wert aus monetärer Sicht ist, was mich persönlich sehr gestört hat. Das ist es einfach nicht, was die Bilder van Goghs so einzigartig macht. Stellenweise war die Folge etwas übersentimental, aber wenn man bedenkt, dass es unter anderem darum ging, Leute für van Gogh zu begeistern, kann ich damit leben. Leider war auch nicht alles historisch korrekt, wie z. B. die chronologische Reihenfolge der Bilder. Und der elende Athlete-Song während der Museumsszene hätte wirklich nicht sein müssen.
* Die landläufige Ansicht ist, dass van Gogh zu Lebzeiten nur ein einziges Bild verkauft hätte, und das auch noch „nur“ an seinen Bruder. Tatsächlich aber kann heute nicht mehr genau nachvollzogen werden, wie viele er wirklich verkauft hat. Man schätzt, dass es ca. zehn Stück waren. Ein Verkauf ist dokumentiert: In einer Ausstellung in Brüssel 1890 wurde das Gemälde „Roter Weinberg“ für 400 Francs an die belgische Malerin Anna Boch verkauft. Kann man auch auf Wikipedia nachlesen.
Fazit
Zusammen mit den beiden Cornell-Stories das beste Irgendwie-Historical. Wahrhaft eine visuell ansprechende, bewegende und anspruchsvolle Geschichte. Das vielleicht Wichtigste aber ist: Dadurch, dass Amy sich als van Gogh-Fan herausstellt, dass man aus Vincent eine „greifbare“ Person gemacht hat, dass man die Folge zu etwas so visuell Ansprechendem gemacht hat (mit Verweisen auf Gemälde van Goghs) hat man es tatsächlich geschafft, dass einige Dr. Who-Fans nach dem Sehen der Folge den Drang hatten, sich mit van Gogh zu beschäftigen (gemäß Kommentaren in dem ein oder anderen Forum). Und wenn es eine Folge geschafft hat, dass sich zumindest ein paar Leute danach näher mit Kunst auseinandergesetzt haben, muss sie schon einiges richtig gemacht haben.
8/10 (GUT)