Nach drei Folgen, die scheinbar narrativ den Staffel Arc nicht bedienen, und es scheinbar keiner vermisst werfe ich mal ein paar Gedanken zum Konzept Story Arc in den Raum.
In einigen Folgenthreads habe ich die Aussage: „Endlich mal eine Folge ohne Story-Arc!“ gelesen, als sei dieser Etwas, das man überstehen muss um zu den wirklich spaßigen Sachen zu kommen. Ist dem wirklich so? Liegt das am Konzept ‚Arc‘ oder bezieht es sich auf genau DIESEN? Und hat die Aussage ihre Richtigkeit?
Ich persönlich bin ein großer Freund von folgen- und staffelübergreifenden Geschichten. Ein Großteil meiner Lieblingsserien leben von starken Stories, die sich von Folge zu Folge erzählen, Fragen und Rätsel aufstellen und die Figuren verändern. Episoden-Serien, die man recht willkürlich durcheinander gucken kann wie CSI und Co haben bei den Status ‚Nette Zwischenunterhaltung‘, an der ich auch recht schnell wieder das Interesse verliere. Ich mag es zu sehen, wie Charaktere wachsen, scheitern, kämpfen und zu spüren, dass die an sie gestellten Aufgaben auch Spuren an ihnen hinterlassen.
Doctor Who ist eine Serie, in der diese Erzählweise selten von Bedeutung war. Soweit ich das überschauen kann, gibt es in der Classicserie genau zwei Staffeln, die sich dieser Erzählweise bedienen (Key to Time und Trial). Ohne dass ich es jetzt überschauen kann, scheint es auch in den BiFis hauptsächlich den Achten Doctor zu treffen, der starke Geschichten bekam, die eine Hörreihenfolge empfohlen hat. Selten war es notwendig, die anderen Doctoren nach einem bestimmten Schema zu genießen. Es gab BiFi-eigene Companions, die eine Einstiegs- und Ausstiegsfolge hatten, aber der Bereich dazwischen war relativ beliebig konsumierbar. Die Romane kann ich noch nicht überschauen, daher halte ich mich hier bedeckt.
Dies hat natürlich einen gewaltigen Vorteil: Man kann sich aus fast 50 Jahren Seriengeschichte willkürlich Episoden durcheinander ansehen. Man kann sich Hartnell, McCoy und die Bakers so anschauen, wie man gerade Bock hat. Selten muss man sich, um Figuren zu verstehen, an eine bestimmte Produktionsreihenfolge halten, auch wenn Figuren eingeführt, verabschiedet, Monster gezeigt und auf sie Referenz genommen wird. Man kapiert in fast jeder Folge, worum es geht und selten hat die Handlung langfristige Konsequenzen auf die nachfolgenden Geschichten. Das macht ein derartig gewaltiges Universum natürlich sehr dankbar, wenn man es aufarbeiten und sich daran erfreuen möchte. Wenn eine Reihenfolge doch von Wichtigkeit ist, wird man durch die Veröffentlichungen doch freundlich bei der Hand genommen und zusammenhänge Folgen werden einem in Boxen gepackte DVDs empfohlen (Kinda & Snakedance, Traken, Logopolis & Castrovalva usw).
RTD experimentierte oft mit folgenübergreifenden Konzepten herum, die meist im Ergebnis enttäuschten. Nicht umsonst sind beliebte Folgen aus seiner Zeit jene, die man gut und gerne aus jedem Zusammenhang gerissen gesehen kann.
Moffat versuchte mit der fünften Staffel einen anderen Weg. Hier ist die Sehreihenfolge nicht mehr beliebig, nur wenige Folgen sollten aus dem Kontext gerissen gesehen werden.
Da es hier um die sechste Staffel geht, pack ich mal diesen Block in einen Spoiler für Leute, die die fünfte Staffel noch nicht kennen.
Die erste Folge führt sie ein, noch als Trigger für den Plot. Pandorica und Silence werden (etwas unsauber) erwähnt, ansonsten läuft die Entwicklung auf der Charakterebene. Amy wird als glaubwürdige Figur eingeführt, deren verschrobene Entwicklung durch die Begegnung mit dem Doctor absolut nachzuvollziehen ist.
Beast Below lässt Amy über sich selbst hinaus wachsen, auch der Riss bekommt Bedeutung. Er ist in der Nähe des Doctors.
VotD erfährt eine Steigerung, der Riss ist nicht einfach nur da, er ist einen halben Meter hinter der Tardis. Die Idee der Konfliktlösung durch Erinnerung wird angeteast.
Der Engelzweiteiler erklärt nun die Funktionsweise des Risses und ist die Lösung des Problems. Andere Elemente (der zweite Doctor, Amys fehlende Reife) sind ebenfalls wunderbar integriert.
Vampires macht es deutlich, dass die Risse sich auch außerhalb des Wirkungsbereichs des Doctors ausbreiten und Schaden verursachen. Das komplizierte Verhältnis Amy - Rory wird thematisiert.
Amy‘s Choice hält sich mit den Rissen bedeckt, ist aber enorm wichtig für die Figur Amy und ihre Reifung. Sie wird erwachsen.
Der Selurianzweiteiler hievt das Problem auf ein andere Niveau: Einer der Companions fällt den Rissen zum Opfer, die Tardis ist für sie verantwortlich.
Van Gogh lässt ein wenig Platz für das unbestimmte Verlustgefühl, das Amy empfindet. Wir bleiben an ihrem persönlichen, für sie nicht greifbaren Konflikt dran.
Lodger fällt etwas aus dem Rahmen. Hier nur wieder eine Repitation des Risses.
Pandorica/Big Bang: Alle Stränge werden fulminant aufgelöst, ein paar Fragen bleiben bestehen und bringen den Zuschauer sanft in die sechste Staffel.
Moffat hat hier fast alles richtig gemacht. Die Konflikte waren stark genug, um 13 Folgen zu überstehen, haben aber Einzelfolgen mit ihrer Mächtigkeit nicht erdrückt. Man blieb dicht an den Figuren dran und konnte sie wachsen und aufblühen sehen, auch war es schwer, sich eine andere Reihenfolge vorzustellen.
Die sechste Staffel begann anders. Die Konflikte wurden nicht langsam an die Figuren heran gebracht, sie waren von Beginn an tief involviert. In der ersten Hälfte gab es zwei überschattende (wenn auch mit einander verwobene) Erzählstränge: Der Tod des Doctors und die Geschichte um Melody. Beide waren so stark, dass sie eigentlich keine Entfernung der Figuren mehr zuließ.
Hier taucht das erste Problem auf: Man brauchte gute Erklärungen für Einzelepisoden. Ich hatte ein recht großes Problem mit der Piratenfolge: Wo lag die Motivation unserer Figuren, sich auf diese doch im Vergleich triviale Geschichte einzulassen? Man kann es sich schön reden und zB meine Interpretation der Prokrastination des Doctors heran ziehen. Nichtsdestotrotz wirkt es hier wie ein Fremdkörper zwischen DotM und dem Flesh-Zweiteiler. Doctor‘s Wife dagegen hat für mich funktioniert, da die Suche nach den Timelords für mich greifbar war.
Nichtsdestotrotz hat der enorm starke Storyarc eine eigentlich ganz süsse kleine Geschichte schlechter aussehen lassen als sie es verdient hat.
Darüber hinaus gibt es zwar Andeutungen des Arcs, die aber eher wie Fremdkörper wirken. Kovarian schaut die nächsten Folgen durchs Fenster, der Monitor scannt Amys Schwangerschaft, und nicht zuletzt der unsäglich doofe ‚The only water‘-Satz. Hier kranken die Einstreuer aber an einer Tatsache: Sie sind repitativ und austauschbar, da sie keine Steigerung haben. Mich haben sie nicht genervt, aber auch nicht unbedingt vom Hocker gehauen und stinken im Vergleich zu den Rissen doch ziemlich ab.
Der Flesh-Zweiteiler war für sich… okay. Werde ich wohl niemals unter meine Top 20 einordnen. Hier wurde die Geschichte aber (sehr hölzern) auf ein neues Level gehoben. Okay, der Doctor hat die Vermutung, dass Amy ein Flesh-Clon ist. Er reist zum (nicht mal ersten) Entstehungspunkt der Flesh-Autonomie zurück, macht einen Test, klont sich selbst und beobachtet die Divergenz zwischen Original und Kopie. Das Ergebnis: Sie sind nicht von einander zu unterscheiden, beide sind lebendig und haben eine Existenzberechtigung. Diese Erkenntnisse nutzt er, um dann komplett entgegen diesen zu handeln, trennt die Verbindung zur Original-Amy und vernichtet den Klon. No, I don‘t get it.
Dann hatte ich meinen Spaß. Moffat war wieder selbst am Ruder und liefert eine für mich fast perfekte Folge ab. Fragen wurden beantwortet, die Figuren wachsen über sich selbst heraus, ich bin enorm dicht an der Handlung und an den Figuren dran, sie tun mir leid, großes Drama… okay, der Doctor hat jetzt nicht wirklich heraus gefunden wer River ist, sie hat es ihm explizit ins Gesicht gesagt, aber sei‘ drum.
Mir hat keine Folge in der ersten Hälfte so gut gefallen wie die drei, die der Moff geschrieben hat, und ich schrieb irgendwo, dass er der für mich beste Doctor Who-Autor ist, der im Moment zur Verfügung steht.
Was mir ganz wichtig war wurde erfüllt: Ich habe die Figuren ernst genommen und auch ihren Konflikten eine große Wichtigkeit beigemessen.
Dann kam Let‘s kill Hitler. Ich bin nicht der größte Fan dieser Folge, ich weiß auch, dass die Folge für Viele funktioniert hat. Für einige war das Fehlen entsprechender Emotionen der Ponds kein wirkliches Problem, auch die Akzeptanz, ihre Tochter verloren zu haben störte offensichtlich wenige. Ich kann zum Teil auch die Erklärungsansätze für die Handlung der Ponds nachvollziehen, aber es gibt immer noch ein Problem:
Wenn Amy und Rory die Geschichte um ihre Tochter trivialisieren, warum soll ich als Zuschauer ihr dann Bedeutung beimessen? Gerade Night Terrors hat doch deutlich gemacht, dass die Beiden so aus der Nummer raus gegangen sind wie sie rein kamen, auch wenn es genug Referenzen gab, die die Melody-Situation perfekt reflektiert hätten. Okay, verschobene Episode usw… nur die Frage ist zulässig: War es dann ingesamt wirklich sinnvoll?
Der Melody-Strang ist zu ende erzählt. Die Ponds haben sich emotional damit abgefunden. Vielleicht bekommen wir noch nen Hinweis wieso. Dass es mir persönlich aber trotzdem fragwürdig erscheint, bleibt hier bestehen.
Night Terrors hat dann ein Zwei-Sekunden-Monitor angetackert bekommen, um im Gedächtnis zu halten, dass der Doctor stirbt. Hier wieder eine Folge, der es gut getan hätte, wäre der Storyarc nicht so stark gewesen.
The Girl Who Waited kommt genau zur richtigen Zeit. Hier wird deutlich, dass die Figuren doch wichtig sind, dass man sich nicht von ihnen lösen muss. Sie bleiben echt und greifbar… und eine dritte Geschichte wird in der Staffel bedient: Der emotionale Fall des Doctors. Perfekt. Subtil hat sich der Arc von der Story-Ebene auf die Charakter-Ebene verschoben, und findet bisher in God Complex seinen Höhepunkt.
In den letzten zwei Folgen hat man wieder alles richtig gemacht. Das Ende der Hauptstory wird eingeleitet, die einzelnen Folgen sind stark genug und werden nicht überschattet, da die übergreifende Geschichte zwar stark ist, sich aber genug zurück nehmen kann um eher eine Linie denn ein Block zu sein.
Die Arcs von Staffel 5 und 6 sind sehr unterschiedlich. Die eine hat die Vernichtung des Universums als Ziel, die andere beschäftigt sich eng mit unseren Helden. Durch den langsamen Aufbau hat Staffel 5 jedoch einen Vorteil: Sie bietet noch genug Platz für Einzelepisoden, ohne dem Serienprinzip ‚Wir erleben Abenteuer‘ zu schaden.
Staffel 6 hat von Anfang an ein großes Versprechen gegeben: Was ihr hier seht, ist von Wichtigkeit. Von Null auf gleich. Hier ist es schwer, die Staffelgeschichte zu vergessen und außen vor zu lassen. Die Einzelepisoden müssen enorm dicht an die Möglichkeiten des Arcs angepasst sein um zu funktionieren. Sind sie das nicht, stinken sie ab.
Black Pearl und Night Terrors waren als Folgen Okay. Sie haben amüsiert, nicht wehgetan und waren eben Abenteuer. Jedoch sind das die Folgen, die ich am Ehesten überspringe, da sie das zu Anfang geschürte Bedürfnis, weiter zu kommen nicht erfüllen. Diesen beiden Folgen hat der Story Arc in der Tat geschadet, und wären zwischen Amy‘s Choice und Hungry Earth besser aufgehoben gewesen.
Eine Staffel wie die Jetzige steht und fällt mit der Auflösung. Wie haben noch zwei Wochen Zeit, alle enthaltenen Geschichten aufzulösen oder in die nächste Staffel zu retten. Die an uns gerichteten Versprechen waren groß. Sehr groß. Bisher hängt es ganz stark von persönlichen Präferenzen ab, ob man sagen kann dass sie bisher erfüllt wurden.
Ich persönlich bin bisher noch für den Story Arc dankbar. Ich bin nicht mehr ganz so happy wie zu Anfang, wo ich mir gewünscht habe die beste Fernsehunterhaltung aller Zeiten zu erleben. Ja, ich gebe es zu: Der Eröffnungszweiteiler hat meine Hoffnungen enorm geschürt. Bisher habe ich ‚nur‘ eine Sache bekommen: Eine gute Staffel Doctor Who, mit Stärken wie auch Schwächen. Vielleicht bin ich an meinen eigenen Vorstellungen gescheitert, und diese nehmen mir etwas den Spaß an dem, was ich bisher bekommen habe. Vielleicht habe ich eine Unterhaltungsserie zu ernst genommen. Auf der anderen Seite: Die letzten zwei Folgen machten mir wirklich Freude. Etwas mehr Girl Who Waited, etwas weniger Let‘s Kill Hitler, und ich hätte vor Freude im Kreis getanzt.
Aber zurück zur Ursprungsfrage: Segen oder Fluch? Ich bin glücklich, dass versucht wurde das Konzept Storyarc tief in diese Staffel zu verflechten. Es hat bisher nicht alles 100% geklappt, aber alleine für dieses Experiment bin ich dankbar. Wenn man die Stärken aus Staffel 5 mit den Stärken aus Staffel 6 kombiniert, freue ich mich auch über einen komplexen, verqueren und emotional tangierenden Storyarc in Staffel 7. Ja, es hat Jahrzehnte lang ohne so etwas geklappt. Aber Doctor Who ist eine Serie, die von Veränderungen lebt. Das hat sie in diese Zeit gerettet. Warum also auch nicht so etwas?
Ich will diese Staffel nicht abschreiben. Die hat mir Spaß gemacht, und ich bin guter Dinge, dass auch die letzten beiden Folgen mir Spaß machen werden. Ein paar Dinge haben nicht geklappt, aber ich bin mir Sicher, die Verantwortlichen (und vor allem Moffat) wissen darüber, und ziehen ihre Konsequenzen. Moffat kann‘s, das weiß ich. Und wenn er sich wirklich soweit traut, habe ich auch gar nix dagegen, eine Staffel 7 zu sehen die komplett auf Einzelepisoden verzichtet und wie Lost oder 24 eine Serie liefert, die am Stück eine Geschichte erzählt. Ob das von den Fans angenommen werden würde, ist dann natürlich die Frage. Zum Einen wird dem Casual Viewer der Einstieg nicht leicht gemacht, zum Anderen verliert das Format die ihr eigene Bandbreite. Zum Dritten ist die Staffel dann verloren, wenn einem das Thema oder die Erzählweise nicht gefällt, siehe Miracle Day.
Jetzt die Frage an Euch: Wie seht Ihr das Konzept Storyarc? Braucht eine Serie wie Doctor Who so etwas? Überwiegen die Stärken? Überwiegen die Schwächen? Schadet es dem Format, oder hält es die Folgen zusammen? Sollte er sich dezent Steigern wie Staffel 5, oder gleich mit der Tür ins Haus fallen wie Staffel 6?