12x03 - Orphan 55

  • Wir treffen so ziemlich alle Entscheidungen unbewusst und rationalisieren sie danach.

    Mag ja so sein, aber auch unbewusste Entscheidungen sind Entscheidungen, heißt also Auswahl aus verschiedenen Möglichkeiten. Um das ganze geistig einigermaßen im Griff zu behalten und sich nicht völlig von der Logik zu verabschieden bevorzuge ich auch die Multiversums-Hypothese. Wenn die stammbaumartig auseinander entstehen, kann man aus jeder Gegenwart in die Vergangenheit reisen und dort etwas ändern, was dann zu einem neuen Seitenzweig führen würde. Die Rückreise in die eigene ursprüngliche Gegenwart könnte allerdings knifflig werden. Da muss man aus den verschiedenen Zukunften? Zukünften? Zukunfts? die richtige treffen. Angesichts von heute über 7 Milliarden Menschen und einem Haufen mehr entscheidungsfähiger Tiere gibt es echt eine Riesenmenge Zukunften (oder so).

    "Grundgütiger! Ein weiblicher Doctor! Was für Zeiten das doch sind!" (Barnabas Collins)

  • Klimahysterie ist zum Unwort des Jahres gekürt worden. Aber mal ehrlich: wer mit solchen moralischen Keulen schwingt muss sich nicht wundern, wenn die Menschheit der Debatte überdrüssig wird.


    Das es schon immer filmische Visionen der Vernichtung der Erde durch die Zerstörung unserer Lebensgrundlage gab (Natur, Klima usw.) ist nicht neu. Mal gut und zum nachdenken anregend wie in "Medicine Man" wo Krebsheilmittel durch die Brandrodung des Urwalds verloren gehen, mal obsolet wie in „Highlander 2“, wo das Ozonloch noch ein Loch und eine Bedrohung war und mal einfach schlecht (aber eventuell irgendwann real) wie in Waterworld, wo Mutanten trotz totaler Überschwemmung noch Tabak haben.


    Was jedoch Chibnall und sein Ed Hime (besonders zum Schluss der Folge) geboten haben, schmeckte irgendwie nach ausgestrecktem Zeigefinger.


    Die Grundidee der durch Umweltkatastrophen vorangetriebenen Mutation ist spannend und steckt voller Möglichkeiten. Doch krankt bereits der Kern der Geschichte. Warum ein Fake-Spa in einer postapokalyptischen Region erstellen? Macht kein Sinn. Das wäre so als würde man auf Skaro eine Frittenbude umgeben von einer Kuppel errichten. Dennoch werden wir auf die von globaler Erwärmung und Atomkrieg verwüsteten Erde geworfen und durch ein Abendteuer gepeitscht, was vom Stoff her locker für 2 Folgen gereicht hätte. Und das ist mein erster Kritikpunkt. Man wird in dieser Folge vom Tempo und den Bildern förmlich erschlagen. Es fühlt sich wie eine Achterbahnfahrt an, aber im negativen Sinne, es gibt keinen Ruhepunkt um der grad gesehene für sich wirken zu lassen.


    Der zweite Kritikpunkt ist klar die erschlagende Botschaft und das (gedachte) Achselzucken der Doctreuse


    Von

    „Ihr Primaten, ihr denkt die ganze Zeit nur über den Tod nach. Ob euch nun das Cholesterin umbringt, Rinderwahnsinn, die globale Erwärmung oder Asteroiden. Aber stellt euch doch nur einmal das Unmögliche vor: Dass ihr überleben könntet. Wir befinden uns im Jahre 5.5/Apfel/26.[…] Willkommen zum Weltuntergang.“


    zu „Hört auf Greta … oder sonst“.


    Zwar beschwichtigt sie mit dem Versuch „Joa, das kann nur eine mögliche Zukunft sein“ aber Hoffnung rüberbringen, klingt anders.

  • Kontinuität,

    Daniel Barton hatte über sein Social Media Imperium gesagt: "We have your numbers, e-mails, GPS, I even know how many more stamps you need for a free coffee", und jetzt sind es die stamps/coupons von der Kaffeemaschine, durch die der Urlaub im Tranqillity Spa gewonnen wurde.


    Die zerstörte Erde entspricht dem zerstörten Gallifrey. Die Ansprache am Ende der Episode diente Companions und Doctor gleichermaßen zur Ermutigung und muss in genau diesem Zusammenhang gesehen werden. Es gab von Capaldi ähnlich eindringliche Ansprachen gegen den Krieg und auch da bestand immer die doppelte Bedeutung, dass die Verbrechen der Time Lords im Time War mitgemeint waren.


    Durch Umweltverschmutzung zu Monstern mutierte Menschen aus der Zukunft wurden uns übrigens auch schon in "Curse of Fenric" gezeigt. Bei den Kommentaren, die ich gelesen habe bin ich passend dazu auf diese gegensätzlichen Standpunkte gestoßen: "This was like McCoy / Colin Baker levels bad", während andere es gerade deshalb mögen: "Yes it was bad, but it was Doctor Who bad."


    Solche herbeikonstruierten Absurditäten, dass Syrillium 3 ausgerechnet durch den Hopper Virus in das benötigte Syrillium 4 umgewandelt wird, gehören zur Serie unbedingt dazu. Irgendwelche Nachfolgeunternehmen von Monsanto werden in der Zeit vor der sich abzeichnenden Apokalypse Menschen mit den Mitteln der Gentechnik so angepasst haben, dass sie gegen alle Nachfolgeprodukte von Glyphosat resistent wurden und auch die Fähigkeit erworben haben, auf einer anderen Grundlage als der Photosynthese Kohlendioxid zu atmen. Viele solche Details lassen sich wohlwollend erklären und man muss jetzt nicht auf Logiklöchern herumreiten, die man bei anderen Episoden hingenommen hat.


    In "Sleep No More" sollten wir die einzelnen Figuren nicht zu sehr beachten, weil sie sowieso gleich sterben würden. In "Orphan 55" sollten zu viele Charaktere alle ihre eigene Story bekommen und das misslingt genauso. Aber, während ich bei anderen Episoden bereits nach einem Drittel das Gefühl hatte, dass sie umkippen, war es diesmal erst nach der Hälfte, als der Bus dieser Midnight-Reisegruppe strandete. Die Dreg haben also tatsächlich Stacheldraht verwendet, um dieses gepanzerte Fahrzeug zu stoppen? Und es gibt Bäume, die den radioaktiven Fallout überstanden haben? Und: "You had warnings from every scientist alive", wenn es in den Tunneln keinen Sauerstoff gibt, dann können dort keine Feuer brennen!


    Aber zurück zur Kontinuität, bei "Spyfall" hatte ich darauf hingewiesen, dass bei den wechselnden Fähigkeiten des Doctors die Telepathie in dieser Inkarnation jetzt vorhanden ist. Die Möglichkeit, länger als wir Menschen ohne Sauerstoff auszukommen, ist dagegen verloren gegangen. Auch das ist im Rahmen der Serie völlig normal. Man sollte allerdings darauf achten, dass es dann jetzt auch so bleibt.


    Egal, wie einzelne zu dieser Episode stehen, wir verdanken ihr ein wunderbares Erkennungszeichen für alle Doctor Who Fans, die sich gegenseitig anbaggern wollen. Allerdings: "The great tall taylor comes to all the kids who suck their thumbs."


    Radioactive Man

  • Mag ja so sein, aber auch unbewusste Entscheidungen sind Entscheidungen,

    Ich hoffe, dieser kurze OT-Beitrag ist gestattet, aber ich möchte das nicht unkommentiert stehen lassen: Das, was du beschreibst, hat dann nämlich herzlich wenig mit freiem Willen zu tun, um den es ja vorher ging.

    Und mal am Rande: Die wissenschaftliche "Many-worlds interpretation of quantum mechanics" – die tatsächlich auch unter akademischen Physikerinnen und Physikern vertreten wird – bezieht sich keineswegs auf eine Spaltung des Universums, wenn Entscheidungen getroffen werden, sondern bezieht sich ganz allein auf quantenmechanische Prozesse.

    "That's it! Now I understand: Everyone in the universe is the Doctor. Everyone … except me."

  • Sven Zuvivene


    Schon klar was du sagst. Mir ging es mehr darum, die Zeitreisesache irgendwie zu erklären damit sie nicht einfach absurd oder unmöglich ist. Freier Wille ist sowieso umstritten. Nach einer anderen Hypothese entscheidet ohnehin das Unterbewusstsein und das Bewusstsein bemäntelt dann die Entscheidung mit "Logik".

    "Grundgütiger! Ein weiblicher Doctor! Was für Zeiten das doch sind!" (Barnabas Collins)

  • Eigentlich mag ich ja Jodi und gebe meist auch gute Bewertung, aber das war ja wohl der größte Schwachsinn seit Web Planet.

    Der ganze Benni Subplot, aargh, dann lauter lebensmüde Trottel die in ihren Tod rennen, weil sie zu blöd sind zu leben.
    Wenn der Schreiberling keine Ahnung hat wie es weitergehen soll, schaut er Eastenders und bringt jemand um. Das war mal allerunterstes Soapniveau.

  • Aber alles in allem hatte ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten den Hauch des klassischen Doctor Who-Gefühls und habe auch Jodie tatsächlich den Doctor abgekauft.

    Ging mir genauso. Hätte sich nicht einer nach dem anderen geopfert, wäre auch noch ein knappes "gut" dabei rausgekommen. Ja, und die Ansprache am Schluss war auch zuviel des Guten. Wieso die jetzt Kohlendioxid ein- und Sauerstoff ausatmen: geschenkt. "Das Leben findet einen Weg" (Dr. Ian Malcolm).

    "Grundgütiger! Ein weiblicher Doctor! Was für Zeiten das doch sind!" (Barnabas Collins)

  • Delta & The Bannermen im Jodie-Gewand.


    So behämmert das hier streckenweise war, mieser als das anstrengende Expositionsgewitter das "The Tsungara Conundrum" war, ist das hier nun auch wieder nicht gewesen. Bei jener Folge kamen für jede geguckte Minute hinten wieder zwei neue ran, aber diese hier bewegte sich immerhin nach vorne und hatte einen Abspann.


    Nicht wirklich die schlechteste Folge, aber die käsigste.

  • Versuche, nette Planeten zu besuchen, legten bald die Probleme des vermeintlichen Paradieses offen; das reicht von "The Leisure Hive" bis zu "New Earth". Auch diesmal auf Tranquility ist es mit der Entspannung vorüber, bevor sie begonnen hat. Es langt jedoch nur zu einer billigen Predator-Hatz. Positiv anzumerken: die Anspannung und Improvisation der Doktorin ließ Jodie wesentlich mehr wie eine Tennant-Nachfolgerin wirken als die meisten Episoden der vorigen Staffel; sie ist glaubhafter in der Rolle als sonst meistens. "Ausreichend."

  • Delta & The Bannermen im Jodie-Gewand.


    So behämmert das hier streckenweise war, mieser als das anstrengende Expositionsgewitter das "The Tsungara Conundrum" war, ist das hier nun auch wieder nicht gewesen. Bei jener Folge kamen für jede geguckte Minute hinten wieder zwei neue ran, aber diese hier bewegte sich immerhin nach vorne und hatte einen Abspann.


    Nicht wirklich die schlechteste Folge, aber die käsigste.

    Delta & the Bannerman hatte immerhin diesen coolen Zak-McKracken-Bus. Diese Folge hatte gar nichts.

  • Da melde ich mich auch mit einiger Verspätung aus der Versenkung zurück. Wer keine Lust auf einen Rant hat, kann diesen Block gerne überspringen. ;) Nach der bestenfalls mittelmäßigen 11. Staffel habe ich mir schon nicht mehr den Aufwand gemacht, die Folgen live über VPN zu gucken und habe auf die Ausstrahlung bei Fox gewartet. Und dann schlummerten die Aufnahmen auch noch ein Weilchen rum. Jetzt bin ich wieder hier, weil ich einfach meinen Frust rausbrüllen will. Ich habe jetzt seit Anfang der letzten Staffel versucht, das mir gebotene irgendwie nachsichtig zu betrachten, etwas daran gut zu finden. Man will ja aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen sein. Ich habe nichts gesagt, als Wikipedia-Artikel verfilmt wurden (Rosa), historische Frauen zu bloßen Handgranatenhaltern degradiert wurden, obwohl sie jeweils eine eigene Story verdient haben (Spyfall) oder wenn der böse natürlich ein weißer Mann ist (eigentlich fast jede Folge). Dann kommt hinzu, dass bei jeder, wirklich jeder Entscheidung zuerst die Agenda und danach das Talent berücksichtigt wird. Und dann diese Folge... ist Kollege Chibbi und seinen Spießgesellen mal der Gedanke gekommen, dass sich manche irgendwann entnervt abwenden, auch wenn man eigentlich hinter der Sache steht? Nach ansehen dieser Episode hatte ich echt gut Bock, aus Prinzip einen Kanister Altöl anzuziehen, denn ich fühlte mich wie ein Gentleman der versehentlich einer Männerhasserin die Tür aufgehalten hat. Auf das Schauspielerische möchte ich schon gar nicht mehr eingehen und dazu war alles auch noch so albern, dass es vermutlich schon Grundschülern zu doof ist.


    Puh, das musste einfach mal raus. Ich will eigentlich trotzdem nicht aufgeben, merke aber, dass ich mich inzwischen schon dazu zwingen muss, eine Episode anzumachen. Sagt mir: wird es danach wieder besser oder sollte ich mich mit meinen Classic-DVDs und Capaldi BluRays einschließen und mich daran ergötzen, dass sogar die Pertwee-Ära mehr für den Feminismus und das Ökobewusstsein getan hat als Chibbi?

  • Sagt mir: wird es danach wieder besser oder sollte ich mich mit meinen Classic-DVDs und Capaldi BluRays einschließen und mich daran ergötzen, dass sogar die Pertwee-Ära mehr für den Feminismus und das Ökobewusstsein getan hat als Chibbi?

    Gib zumindest der nächste Folge Nikola Tesla's Night of Terror noch eine Chance, danach lässt es allerdings schnell wieder nach.