Es ist Dir ja hoch anzurechnen, dass Du aktuelles storytelling mit der klassischen Sagenliteratur vergleichst, oder gar gleich setzt. Ich sehe das aber doch etwas anders - zumal diese eher Archetypen als Charaktere zeigen, aber das ist ein anderes Thema.
Ich habe kein Problem mit streitbaren oder anfangs auch unsympathischen Charakteren, die Fehler machen oder Probleme haben und sich im Laufe einer Handlung "wandeln". Im Gegenteil! Das macht gutes storytelling ja aus. Entscheidend ist ja vielmehr der Grundtenor des Erzählten - und ja, auch eine moralische, ethische Haltung, die das Erzählte spiegelt und - ja - auch beurteilt. Und genau da liegt mein Problem mit dem Gezeigten in "Starfleet Academy" oder auch in den letzten Doctor Who-Staffeln - zu keinem Zeitpunkt werden Handlungen der "Haupthelden" wirklich in Frage gestellt, sie bleiben die Haupthelden, ohne Konsequenzen. Und ich fürchte, dahinter steckt die Grundhaltung der Autoren: es ist z. Bsp. weniger schlimm, dass bei dem Überfall jemand umkommt - als eine Mutter von ihrem Kind zu trennen. Das wird ganz klar so transportiert, ohne Graustufen und Reflexion. Das könnte ich jetzt an verschiedenen Beispielen durchspielen.
Als Gegenbeispiel denke ich da an die großartigen Handlungselemente in DS9! Wie sehr hat Kira unter ihren Taten im Widerstand gelitten - und ist daran gewachsen. Es wurden die Umstände beschrieben, man konnte auch ein Verständnis entwickeln - und doch wurden ihre Taten nicht schön geredet. Wirklich Komplex erzählt - und genau das fehlt mir an so vielen Stellen im aktuellen Storytelling. Haben Caleb oder seine Mutter an irgendeiner Stelle Reue gezeigt? Vielleicht kommt da noch was - aber ich fürchte nicht - weil sie ganz klar als "Opfer der Umstände" dargestellt werden und damit über jeden Zweifel erhaben sind. Und das empfinde ich als simpel und - falsch.